Ich sitze an einem Freitagabend mit meinen Freunden in einer Bar
Tabac einer beliebigen Seitenstraße. Dieser Ort ist so beliebig wie
der Abend, an dem wir ihn besuchen, letzterer hätte genauso gut in
Paris, Berlin oder irgendeiner mittelgroßen westdeutschen Stadt
stattfinden können. Die Inneneinrichtung ist holzig und veraltet,
die Beleuchtung schwach, die Musik leise, die Gäste sind die
üblichen und die Gespräche auch. Ein Unterschied zu den von mir
geliebten Berliner Eckkneipen ist der angrenzende Raucherraum, in
dem die Beleuchtung aus unerfindlichen Gründen deutlich greller ist
und in dem eine ein Meter große Marienstatue inmitten eines
deckenhohen Bücherregals über die Rauchenden wacht. Ich glaube
zumindest, dass es die heilige Maria ist, Hildegard von Bingen oder
Katharina von Siena vielleicht auch. Jeanne D’arc ist es nicht, die
würde ich erkennen. Und vermutlich würde ich sie eher in einer
Pariser Bar antreffen. Ich sitze also ohne heilige Maria und ohne
Zigarette im Hauptraum der Bar und spreche mit einer Freundin über
ihre Pläne für das kommende Jahr. Während sie über geplante Reisen,
Abgaben und ihre Arbeit spricht, erhasche ich immer wieder kleine,
resignierte Untertöne, über eine Welt, die leidet unter den Taten
von Menschen, die im Grunde nicht anders sind als wir. Ich kann es
ihr nicht verübeln und weiß, wie sehr sie versucht, an eine andere
Welt zu glauben und sich der jetzigen zu widersetzen. Genauso wie
sie keine Lust hat, ihrem Weltschmerz auch noch an diesem Tisch in
der beliebigen Kneipe Luft zu machen, traue ich mich nicht, ihre
Gefühle anzusprechen und zu erwidern, aus Angst wieder eine
Stimmungslage zu offenbaren, die wir alle nur zu gut kennen. Denn
natürlich geht es mir ganz genauso. Es geht uns allen so. Dem einen
mehr, der anderen weniger, aber wir alle spüren eine gewisse Angst
vor einer Zukunft, in der es für die Leben, die wir führen möchten,
keinen Platz mehr gibt. Wir wissen, dass wir miteinander sprechen
können, wenn wir den Austausch brauchen, wenn wir uns abreagieren
müssen, um Stärke zu finden in der Verzweiflung, um uns klar zu
werden über unsere eigene Menschlichkeit und über die Unterschiede
zu denjenigen, die uns diese absprechen wollen. Neben dieser
stillen Trauer ist da aber auch etwas anderes, ein
Gefühl, das wir nur unter uns spüren.
Ein Freund kommt zu uns an den Tisch und macht einen Witz, der
irgendetwas mit unserem Gespräch zu tun hat und den nur wir
verstehen können. Eigentlich ist es eher eine Geschichte, eine von
vielen gemeinsamen Erinnerungen an einen Urlaub in einem kleinen
französischen Dorf südlich von Biarritz, in dem wir mehrere Sommer
verbracht haben. Wir müssen alle laut los lachen. Und während ich
so vor mich hin lache, tritt es ein. Dieses Gefühl starker
Geborgenheit, eine Zugehörigkeit und Sicherheit, die ich nur hier,
an diesem beliebigen Ort in dieser beliebigen Kneipe mit der
angeblichen Marienstatue im Nebenraum und meinen Freund*innen
verspüren kann. Auf die gleiche Art, in der wir unsere Angst und
Verzweiflung nicht kommunizieren müssen, um sie zu verstehen,
schaffen wir es, uns Halt zu geben, auf eine Art und Weise, wie nur
wir es können, die ohne direkte Worte der Unterstützung auskommt.
In diesem Moment verstehe ich, dass es das ist, was ich von einer
Freundschaft möchte. Eine im Kern stillschweigende Verschworenheit,
geheime Kompliz*innen, die es schaffen, sich im Angesicht einer
Welt, die immer dunkler zu werden scheint, durch eine
vorrübergehende Unbeschwertheit gegenseitig zu halten und eine
eigene Welt zu kreieren, wohlwissend, dass sie, wie alles, nicht
von Dauer sein wird. Im Kern verschworen, vereint durch einen
Glauben und eine Sicht auf die Welt, welche wir selber nicht
artikulieren können oder müssen, weil wir sie leben. Ein “either
you get it or you don’t”-Ding.
Durch die Wand, die den Raucherraum
von dem Raum trennt, in dem ich mich befinde, spüre ich den Blick
der Marienstatue in meinem Rücken. Ich weiß, dass sie unseren
Wunsch nach etwas Liebe im Verborgenen, von der nur wir wissen,
versteht. Sie versteht, wie dankbar ich dafür bin, diese Menschen,
meine Menschen, in meinem Leben zu haben. Nachdem ich fertig
gelacht habe, gehe ich zur Bar und bestelle einen Mexikaner,
Jägermeister oder Birnenschnaps. Ich bezahle sofort und gehe in den
Raucherraum zu den anderen, um eine Zigarette zu rauchen und Maria
Hallo zu sagen.
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